Matthias Neutzner, Dresden

2020
Organisation: 
Initiative MEMORARE PACEM. Gesellschaft für Friedenskultur
Engagement: 
gemeinsames Erinnern von Menschen unterschiedlicher Generationen, Kulturen und Nationen ein gemeinsames Engagement für eine Kultur des Friedens
„Friedenskultur bedeutet für uns auch, dass wir sehr viel Zeit damit verbringen, einander kennenzulernen. Einander wahrzunehmen, zu sehen und zuzuhören, offen zu sein für die Geschichten der Anderen, sich einzufühlen, Verständnis füreinander zu entwickeln – Gesten der Empathie in den Zwischenräumen des Alltags sind Quellen des Friedens.“

Friedenskultur – „In intensiver Reflexion und Diskussion haben wir uns mit diesem für unser Selbstverständnis zentralen Begriff beschäftigt“, erzählt Matthias Neutzner, Mitbegründer von MEMORARE PACEM. Gesellschaft für Friedenskultur, einer unabhängigen, bürgerschaftlichen Initiative in Dresden, in der sich Menschen unterschiedlicher Generationen, kultureller und biographischer Prägungen für eine Kultur des Friedens einsetzen. „Ich bin davon überzeugt, dass Frieden nicht ein paradiesischer Erlösungszustand ist. Frieden ist vielmehr ein Prozess, ein tägliches Auf-dem-Weg-Sein, sowohl als Individuum als auch als Gesellschaft. Hin zu weniger physischer und struktureller Gewalt, zu einem Mehr an Humanismus, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. – Friedenskultur ist neu zu lernen und zu gestalten.“

Matthias Neutzner, 1960 in Görlitz geboren, seit seinem neunten Lebensjahr in Dresden lebend, „hat sich als Ingenieur mit Kommunikationsprozessen an den Schnittstellen von Gesellschaft und Technologie beschäftigt, als Historiker unternahm er Forschungen zur Regionalgeschichte im Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg sowie zur erinnerungskulturellen Dimension dieser Ereignisse.“„In Dresden aufgewachsen, habe ich mich natürlich schon als junger Mensch gefragt, warum diese Stadt so ist, wie sie ist, und wo wir herkommen.“ Neben der Geschichte gilt Matthias Neutzners Interesse Fragen der Ästhetik, der Architektur und künstlerischen Ausdrucksformen. Als er Anfang der 80er Jahre ein britisches Theaterstück über die Luftangriffe auf Dresden übersetzte und gemeinsam mit einer Gruppe Dresdner Student*innen inszenierte, suchte er Kontakt zu Menschen, die die fast vollständige Zerstörung der Dresdner Innenstadt am 13. Februar 1945 erlebt hatten. „Als Fragende erlebten wir, dass es für unsere älteren Gesprächspartner von großer Bedeutung war, über die Erlebnisse und Erfahrungen der NS-Zeit, des Krieges und der Zerstörung der Stadt zu sprechen.“

In den folgenden Jahren sammelte eine kleine Gruppe um Matthias Neutzner – „neugierige junge Leute“ und zunehmend Menschen der älteren Zeitzeugengeneration – systematisch Erlebnisberichte, Dokumente, Fotografien aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und archivierte diese. Von Anfang an wurde die historische Spurensuche begleitet von Veranstaltungen, Diskussionen, Vorträgen, Theater, Performances, Aktionen im städtischen Raum. Die Arbeit der 1987 von Matthias Neutzner gegründeten Initiative ‚Interessengemeinschaft 13. Februar 1945‘ setzt MEMORARE PACEM. Gesellschaft für Friedenskultur seit 2015 unter diesem Namen fort. Akribisch forschte Matthias Neutzner zu den historischen Hintergründen der erzählten Biographien und zur Alltagsgeschichte der Dresdner*innen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er ist Autor mehrerer Monographien und Aufsätze zu diesen Themen. Von 2004 bis 2010 war er Mitglied der vom damaligen Dresdner Oberbürgermeister zur wissenschaftlichen Untersuchung der Luftangriffe auf Dresden berufenen Historikerkommission. Matthias Neutzner ist auch Mitinitiator des Kunstprojektes ‚Dresdner Mahndepots. Gravuren des Krieges‘: Seit 2001 wird jedes Jahr an einem Dresdner Ort der Erinnerung eine Edelstahlhülse in den Boden eingelassen, die eine mit dem Ort verbundene exemplarische Geschichte „in all ihrer emotionalen Wucht“ erzählt und die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Dresdner Geschichte erfahrbar macht.

„Dresden ist daran gewöhnt, sich im Fluss zu spiegeln. Der aber speist sich aus Vergangenheit und reicht ein mildes, unscharfes, großartiger machendes Selbstbild zurück. Während des Jahres bleibt dies harmlos kokette Eigenart. Alljährlich im Februar nehmen Tempo und Wellengang des Erinnerns jedoch zu. Verlässlich schäumt die Vergangenheit auf und spült so allerlei Unangenehmes nach oben“, schrieb Matthias Neutzner in einem Gastbeitrag der Sächsischen Zeitung am 5. Februar diesen Jahr. – „An was wollen wir uns erinnern und vor allem wozu?“ Wie beziehen die Dresdner*innen die Erinnerung und das Gedenken in ihre Lebenserfahrungen ein? Welche Erinnerungen wollen sie in die Zukunft ihrer Stadt mitnehmen? Zu Gesprächen, Diskussionen, Lesungen darüber und auch zu Musik und Tanz lädt MEMORARE PACEM in der Woche um den 13. Februar ein.

Mit MEMORARE PACEM engagiert sich Matthias Neutzner dafür, aus dem gemeinsamen Erinnern von Menschen unterschiedlicher Generationen, kultureller Kontexte und Herkunftsländer eine Kultur des Friedens zu entwickeln – für eine Stadt, in der Menschen demokratisch, dialogbereit und einander zugewandt zusammenleben. Dieses Engagement reicht weit über die Stadt Dresden hinaus. Seit den 90er Jahren pflegen Matthias Neutzner und die Mitglieder von MEMORARE PACEM enge Partnerschaften und persönliche Beziehungen zu Friedensinitiativen und Menschen beispielsweise im baskischen Gernika, in Wielun, Coventry und Lidice. Sie initiieren Treffen, bei denen ältere Menschen, die Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung erlebt haben, ihre Lebenserfahrungen mit Jüngeren teilen. Weltweit organisiert der Verein Workshops zu kommunaler Friedensarbeit, gemeinsamer Biographiearbeit, „Geschichtswerkstätten“, in denen sich Menschen beispielsweise mit den Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Migration auseinandersetzen. Seit 2016 lädt der Verein auf Kulturbühnen und in die Aulen von Schulen zu ‚Peace Slams‘ ein, bei denen junge Wissenschaftler*innen aus aller Welt ihre persönlichen Geschichten mit dem Publikum teilen. Im Projekt „Young European Peace Explorers“, welches von Matthias Neutzner seit 2018 koordiniert wird, begeben sich Schüler*innen aus Budapest, Dresden, Madrid und Sarajevo auf Reisen: besuchen einander in ihren Städten, treffen Menschen, hören Geschichten und befragen einander dazu, was es bedeutet, friedlich zusammen zu leben. Was die vielzähligen und vielfältigen Veranstaltungen und Projekte von MEMORARE PACEM gemein haben, ist, dass sie Menschen dazu anregen, einander zu begegnen: „Friedenskultur bedeutet für uns auch, dass wir sehr viel Zeit damit verbringen, einander kennenzulernen. Einander wahrzunehmen, zu sehen und zuzuhören, offen zu sein für die Geschichten der Anderen, sich einzufühlen, Verständnis füreinander zu entwickeln – Gesten der Empathie in den Zwischenräumen des Alltags sind Quellen des Friedens.“


Nora Lang, geboren 1931, Überlebende der Bombardierung Dresdens, Mitglied von MEMORARE PACEM, Botschafterin der Wärme 2009:

„Ich würde mich sehr freuen, könnte ich noch eine Auszeichnung von Matthias Neutzner erleben. Er hat es verdient. Bei einer Kranzniederlegung in Gernika, zu der ich mit Matthias Neutzner war, wurde ich einmal von einem schwedischen Gast gefragt, ob er mein Sohn sei. Ich antwortete: "Nein, er ist mein Vater." Damit wollte ich zeigen, dass es nicht die Überlebenden waren, die diese Friedensinitiative gegründet haben, sondern ein Vertreter der nächsten Generation. Aber wir hätten es tun sollen.“