Ronny Krimm, Mösthinsdorf

2020
Organisation: 
Mösthinsdorfer Heimatverein e.V.
Engagement: 
mit den Einwohner*innen eines kleinen Ortes in Sachsen-Anhalt macht er Heimat zu einem lebens- und liebenswerten Ort
„Gemeinsam statt einsam“

Auf halbem Weg zwischen Halle (Saale) und Köthen liegt am nordöstlichen Rand des Saalekreises, an der Fuhneaue Mösthinsdorf. „Hinterm Berg“, so Ronny Krimm und meint damit den Petersberg. Circa 300 Menschen wohnen hier. Es gibt eine Hauptstraße mit einer Buslinie in die Stadt, eine Kirche, die Freiwillige Feuerwehr, mobile Verkaufswagen, die hier regelmäßig Halt machen, und – den Mösthinsdorfer Heimatverein e.V.. Dessen ehrenamtlicher Vorsitzender ist Ronny Krimm. „Bei uns steht kein Haus leer, es gibt keine Baulücken mehr“, was für ein Dorf in Ostdeutschland durchaus keine Selbstverständlichkeit ist. Die Menschen leben gern in Mösthinsdorf, und Ronny Krimm erklärt, was sie hält und junge Leute anzieht: „Ein Dorf braucht einen Motor, der die Leute in Gang setzt, um sich für ihren Ort zu engagieren. Dieser Motor ist bei uns der Heimatverein … Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, erleben wir, wie gut Dorfgemeinschaft und Nachbarschaftshilfe in Mösthinsdorf wirken: Die Leute unterstützen einander beim Einkaufen, die Frauen aus der Bastelstube haben Mund-Nasen-Abdecker in allen Größen genäht, eine Dorfbewohnerin hat selbstgezogene Tomatenpflanzen verkauft und den Erlös an den Verein gespendet.“

„Gemeinsam statt einsam“ – in Mösthinsdorf ist das nicht bloße Motivationslyrik. 85 bis 90 Prozent der Dorfbewohner*innen, so schätzt Ronny Krimm, finden sich in den Aktivitäten des Vereins wieder, bringen sich in irgendeiner Weise ein, ob sie im Mösthinsdorfer Heimatchor mitsingen, im Kreis der Knobel-Frauen mitspielen, zu den Tortenbasaren eine Torte beisteuern, bei Konzerten und Lesungen im Publikum sitzen, an Workshops und Vorträgen teilnehmen oder Feste mitgestalten. Zudem hat der Verein in diesem Jahr ein lang gehegtes Vorhaben verwirklicht: Seit März hat das Dorf „Ein Offenes Haus der Begegnungen“, wo man sich auf einen Kaffee treffen, gemeinsam Hobbys nachgehen, Hilfe bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben finden oder einfach innehalten, plaudern und sich wohlfühlen kann.

„Angefangen haben wir 1999 mit nichts, ganz klein: Rentnerweihnachtsfeier, Weihnachtskonzert in der Kirche, Osterfeuer.“ Gemeinsam mit 15 Mitstreiter*innen hatte Ronny Krimm, damals 19jährig, den Verein gegründet. „Den Dornröschenschlaf, in den das Dorf nach der Wende gefallen war, wollten wir beenden. Raus aus dem Alltagstrott.“ – Er ist in Möstinsdorf aufgewachsen, war zwischendurch vier Jahre in Bonn, 2010 ist er nach Hause zurückgekehrt. „Hier habe ich meine Wurzeln, hier sind meine Freunde, und der Verein ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens.“

Ronny Krimm ist ein Mensch, der auf Andere zugeht, der die Leute so nimmt, wie sie sind, und „Brücken baut“. Immer wieder betont er, dass er nicht lediglich zum Mitmachen animieren wolle. Vielmehr gehe es ihm darum, die Menschen zu ermutigen, sich zu trauen, selber loszulegen, zu Machern zu werden. Wie das gelingen könne? – „Im unmittelbaren persönlichen Kontakt. Menschen wollen angesprochen, wahr- und ernst genommen werden. Sie wollen sich mit ihren eigenen Ideen wertgeschätzt fühlen. Und es ist wichtig, Danke nicht nur zu sagen, sondern es die Menschen spüren zu lassen.“  Ob beim Spaziergang mit dem Hund, beim Schwatz über den Gartenzaun, bei den wöchentlichen Chorproben oder wenn er in der Bastelstube vorbeischaut, Ronny Krimm ist mit den Einwohner*innen von Mösthinsdorf ständig im Gespräch. Demnächst lädt der Verein wieder zum „Ideen-Brunch“ ein – „weil sich‘s beim gemeinsamen Essen und Trinken am besten über Wünsche und Vorstellungen austauschen lässt.“  Heute, 20 Jahre nach Gründung des Vereins, engagiert sich Ronny Krimm gemeinsam mit Vereinsmitgliedern und Netzwerkpartner*innen in den Arbeitskreisen ‚Kultur-Picknick‘, ‚Singendes Land‘, ‚Kreativ-Werkstatt‘ und ‚ZEITgeschichte‘ für die Wiederbelebung eines kommunal-kirchlichen „KULTURhaus“-Gedankens auf dem Land und trägt diesen in die Region. Ein Teil seines weit über Mösthinsdorf hinaus reichenden außerordentlichen ehrenamtlichen Engagements wird derzeit, für zwei Jahre, über eine 20-Stunden-Stelle als Netzwerkkoordinator bezahlt.

Außerdem hat er sich darum beworben, Teil des Neulandgewinner-Netzwerkes der Robert-BoschStiftung zu werden. „Neulandgewinner sind Menschen, die gemeinsam anpacken – voller Vertrauen, experimentierfreudig, eigensinnig – um ihre Heimat zu einem Ort zu machen, an dem sie gern leben.“ Wenn Ronny Krimm über den für Oktober geplanten dreitägigen Pop-Gospel-Workshop, der in einem musikalischen Gottesdienst münden wird, erzählt, oder von der anstehenden Sanierung des Kirchturms, dessen Gestaltung als „Kunstturm mit Lesecafé“, oder von der Idee eines „Mösthinsdorfer Backbuchs“, das Tortenrezepte mit den Geschichten der Bäcker*innen verbindet, – dann spürt man, dass die Menschen in Mösthinsdorf sich ganz gemäß dem Motto ihres Heimatvereins stark machen - „Für die Sonne in unserem Alltag“.